Schwund?

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Architekten brauchen Wörter. Noch vor dem Bilder suchen und Dinge bauen, ist Sprache zu finden Teil unserer Arbeit. Darum soll es hier gehen — und um ein Wort im Speziellen: Schwund. Als Begriff unserer Zeit taucht er ebenso in Architekturzeitschriften (shrinking cities) auf wie in Schweizer Tagesmedien (verbrachende Alpentäler) — die Kehrseite des Wachstums wird zum Thema. Der Begriff taugt zum Beschreiben von Veränderungen in unserer physischen Umgebung — und geht uns Architekten somit direkt etwas an. Mit einer Gruppe von Architekturstudenten aus verschiedenen Ländern Europas haben wir in einem zweiwöchigen Workshop in Bergün, in den Bündner Bergen, diesem Wort nachgespürt.

Schwund und Architektur

Wachstum und Schwund sind zwei Seiten desselben Prozesses. Je nach dem, von welcher Seite wir einen Veränderungsvorgang betrachten, sehen wir das eine oder das andere. Dennoch stellen wir fest: das Zeitalter der Dampfmaschine, der Ingenieure, der Staumauern und des Fortschritts, das Zeitalter des Wachstumsglaubens, in der Dinge lokal grösser und besser werden, liegt hinter uns. Wir sind in eine Zeit eingetreten, in der die Dinge kleiner werden in längst angelaufenen globalen Prozessen, in der die Dinge sich im Kleinen und Grossen zu ähneln beginnen — wir leben in einer Zeit, deren neue Komplexität nach neuen Begriffen verlangt. Während das alte Zeitalter zwischen den Disziplinen “Städtebau”, “Raumplanung” und “Landschaftsarchitektur” unterschieden hat, beschäftigt man sich heute planerisch mit der “Zwischenstadt”: Das Interesse gilt der Verschmelzung tradierter Gegensätze zu “gebauter Landschaft” und “natürlicher Stadt”. Natur und Kultur beginnen sich zu durchdringen.

Im Städtebau der Moderne wurden Arbeit, Wohnen, Freizeit, Verkehr räumlich von einander getrennt. Heute ist das Ideal von Urbanität (wieder?) eine Stadt der Vermischung, in der die Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort verschiedenste Funktionen ausführen. Dieser Wechsel ist symptomatisch für unsere Zeit: Aus einer abgrenzende Haltung wird eine integrierende. In der Diskussion über Raum und Zeit interessiert nun neben dem Wachsen, Besetzen, Einfrieden, Einnehmen plötzlich auch das Schwinden, Loslassen und Zurückgeben. Neben Identität und Ort interessieren nun auch Chaos und Unort. Ebenso wie sich Räume und Funktionen zu verflechten beginnen, beginnen die Disziplinen sich (wieder?) zu vermischen. Hier wird der Architekt nicht als Erbauer grosser Gebäudeperlen in der vom Landschaftsgärtner gestalteten grünen Umgebung gebraucht, nicht als Umsetzer von Kostendächern und auch nicht als ein sich in kühnen Strukturen verewigender Selbstverwirklicher. Von Berufes wegen Macher und Denker, Hergebrachtes und Zukünftiges gleichermassen im Kopf, kümmert er sich — als kritischer Generalist — zu aller erst um die menschliche Gesellschaft, deren Begriffe und Bilder. Es ist an uns, die Baustoffe unserer gedachten und gebauten Werke zu wählen — und so gilt es am Anfang die Frage nach den Begriffen zu stellen, mit welchen wir an der Gesellschaft mitbauen wollen.

Sprechen wir von “Schwund”, implizieren wir, dass Wachstum alleine heute nicht mehr das Thema ist. Nicht mehr nur kultureller Fortschritt will geplant und daher gedacht werden, sondern ebenso dessen Gegensätze. Erlahmende kulturelle Energie einerseits, ist Schwund zugleich eine aktive Bewegung der opponierenden Kraft “Natur”. Ihr Verhalten gewinnt heute neue Bedeutung und verlangt neuen Sinn: Wie reagieren wir auf immer häufigere und heftigere plötzliche Ereignisse wie Hurricanes, wie gehen wir um mit schleichenden Erosionsprozessen wie Verbrachung im Alpenraum?

Als Architekten betrachten wir unsere Umwelt mit besonderen Augen, unsere Wahrnehmung ist nicht unschuldig und unvoreingenommen. In unserem Blick durch unsere Tätigkeit beeinflusst, sehen wir unsere Umwelt stets auch als Ort einer möglichen physischen Veränderung. Unser Umfeld genau anzuschauen, zu erforschen, sich als Mensch mit der Umwelt in Bezug zu setzen und dafür einen Ausdruck zu finden, ist dafür notwendiger erster Schritt. Einen Beitrag zu leisten in einem Gespräch über den Raum, in dem wir leben, heisst für uns, zuerst einmal die Fragen zu kennen, die Themen zu orten, anhand derer diskutiert werden wird.

In verschiedenen Zusammenhängen und unter unterschiedlichem Namen ist Schwund heute in aller Munde: Von einer einstmals wachsenden Industrie aufgegebene Areale harren als “Industriebrachen” einer Wiederbelebung, den “shrinking cities” werden Ausstellungen und Bücher gewidmet, und Schweizer Bergtäler kommen als “alpine Brachen” zu unfreiwilliger Medienpräsenz. Trotz der enormen Publizität der Problematik werden jedoch die “Probleme der Planenden besonders dort augenfällig, wo ihre traditionell auf Wachstum
ausgelegten Strategien rezessiven Entwicklungen beikommen sollen.”

Worte gebären Zahlen

Der Beitrag von uns Architekten in einer öffentlichen Diskussion kann verschieden interpretiert werden. Der Naturwissenschafter Peter Baccini bemerkt dazu: “The architect can visualize complex phenomena much more quickly than other persons and much more convincing. But he often mixes up methods, models and metaphors. Still, the architect can put forward problems, can achieve transdisciplinary work and bring together different professions.”

Aufzeigen wollen, was ist, muss auch heissen, aufzeigen können: Um nachvollziehbar und klar zu bleiben verlässt man sich gern auf Zahlen, die sich addieren, multiplizieren, auswerten lassen — Zahlenflüsse, die man verfolgen kann. Man beruft sich auf Quadratmeter und Geschwindigkeiten, die messbar sind — es entstehen Karten und Grafiken. Auch wir wollen darstellen, doch was gibt es denn darzustellen? Als Illustratoren bekannter Tatsachen, die polemisch inszeniert und graphisch ausgeklügelt daherkommen, wollen wir nicht gelten. Von Fachleuten erforschte Sachverhalte publikumswirksam zu veranschaulichen, das kann nicht die Rolle des theoretisch tätigen Architekten sein. Uns interessieren nicht (ökonomische) Statistiken und deren Kommunikation, sondern in erster Linie jene Faktoren, deren Ausdruck die Zahlen an der Oberfläche der Statistiken überhaupt sind: Wir wollen einen Schritt zurück gehen und einen Blick wagen in eine undurchsichtige Welt von Werten und Idealen, Träumen und Stimmungen, Bildern und Wörtern. Können wir als leidenschaftliche Dilettanten nicht vielleicht auf dieser unterschwelligen Ebene mehr bewirken als im Zahlendschungel der Objektivierung? Wo der Ingenieur eine Kernbohrung vornimmt, schlagen wir uns auf die Seite der Psychoanalytiker und fragen: was sind die Fragen?

Schwund in der Schweiz

Wir nehmen den Ort des Workshops zum Anlass, einen Blick auf den spezifisch schweizerischen, alpinen Kontext zu werfen — Schwundphänomene finden wir hier vor allem in entlegenen Bergtälern. Von einer stagnierenden Landwirtschaft abhängig und mit nur wenig touristischer Infrastruktur, stehen diese Orte heute im Spannungsfeld von Föderalismus und ökonomischer Logik: Auf der einen Seite stehen politische Errungenschaften wie die Gemeindeautonomie und Investitionshilfe für Bergbauern. Vom Gedanken der Erhaltung und Pflege des Landes bis in den hintersten Winkel getragen, zeugen sie von der emotionalen Bedeutung der Landwirtschaft für das Bild der Schweiz. Auf der anderen Seite steht eine Haltung, welche wirtschaftlich nicht funktionierenden Landstrichen eine Existenzberechtigung in heutiger Form abspricht.

Als direkter Anknüpfungs- und Reibungspunkt dient uns die Diskussion, die im ETH Studio Basel unter dem Begriff der “alpinen Brache” initiiert wurde. Einer unter fünf neuen Raumtypen zur Beschreibung der Schweiz, ist er Teil einer Suche nach einem neuen räumlichen Verständnis des Landes, welches im Buch “Die Schweiz — ein städtebauliches Portrait” veröffentlicht wurde. “Die Basler (Jacques Herzog, Marcel Meili, Roger Diener, Christian Schmid, Pierre de Meuron) vertreten grob gesagt, die These, dass die Kraft des Lokalen auch unter den Voraussetzungen weltweiter Vernetzung viel stärker ist, als ursprünglich angenommen und dass man die Beharrungskräfte des Ortes als produktiv wahrnehmen soll.” In der politischen Diskussion wird zuweilen die Aufgabe der durch Ausgleichszahlungen am Leben erhaltenen Tälern gefordert. Der Begriff der “alpinen Brache” will andeuten, dass ein Landstrich, der sich durch Schwund an Kultur auszeichnet, auch ein Potential birgt: Das Land “verbracht”, um der nächsten Generation für etwas anderes wieder zur Verfügung zu stehen.

Von vorne beginnen

Hier möchten wir einsetzen und fragen: was ist es, zugunsten dessen man diese Kultiviertheit aufgeben würde? Wie könnte Erhaltenswertes verknüpft bleiben, um die brachliegende Zeit zu überdauern? Wie liesse sich das Überliefernswerte transportieren? Und wie sind die Grenzen dessen definiert, das man aufgibt?
Kann man schliesslich anhand von solchen Fragen rückschliessen darauf, wie es denn genau um die entsprechenden Gebiete steht? Und welche Rückschlüsse erlauben solche Fragen auf die Werte der Fragesteller und deren geistige Umgebung?

Wir verstehen die Arbeit dieses Workshops als einen Beitrag zur aktuellen Diskussion. Er soll am Anfang des intellektuellen Prozesses stehen, wo eine vermeintliche Lösung zu einem vermeintlichen Problem noch nicht in Reichweite ist. Wir arbeiten als Gruppe, und wenn die erarbeiteten Fragen als einzelne sehr spezifisch erscheinen mögen, so bilden sie doch zusammen den Anfang eines Fragenkatalogs, der als Ganzes Sinn ergibt. Daher auch der Versuch, die Art des Zusammenkommens dieser Fragen zu illustrieren.

Um innerhalb der uns zur Verfügung stehenden zwei Wochen zu einer möglichst breiten und polarisierten Auswahl an Fragestellungen zu kommen, bieten wir den Studenten eine Auswahl an möglichen Rollen an. Diese Rollen, oder Typen, sollen helfen, die verschiedenen kulturellen und persönlichen Hintergründe zu kanalisieren und für unsere Arbeit nutzbar zu machen. Diese weit von einander liegenden Extrempositionen begleiten die Studenten als “Rucksäcke”, wobei zu jedem Titel eine Folge von Beiwörtern, Stichwortsätzen und Vorbildern gehört. Sie heissen “to analyse and classify”, “to find and transform”, ”to contemplate and acknowledge”, ”to compete and achieve”, “to preserve and care for”. In einem nächsten Schritt formulieren die Studenten ihre gewählten Typen auf das Thema ”Schwund” hin — welche generellen Haltungen bergen welche spezifischen Einstellungen zu unserem Thema? Ein zweistufiger theoretischer Zoom-in, in die Schweiz und in das Safiental, sowie ein anschliessender Besuch im Tal, bilden die Grundlage für die Erarbeitung der spezifischen Fragen.

Die Arbeiten

Zur Beschreibung der Situation des Tales unterscheiden wir zwischen den hard facts und den soft factors. Die ersten sind die quantifizierbaren Tatsachen (Schwund an Wertschöpfung, Entvölkerung), die sich in ökonomischen Modellen widerspiegeln. Unsere Arbeitsthese ist, dass diese hard facts nachhaltig beeinflusst werden von soft factors, ähnlich den intangible assets der Geschäftswelt. Einzeln schwer messbar, werden die soft factors gerne vernachlässigt — sie stehen im Zentrum unserer Untersuchungen.

Sebastian Bildstein, Deutschland: Das grundlegende Gedankenmodell des Workshops

In einem ersten Modell formen die hard facts ein geschlossenes Polyeder, in grau. Wir falten es auf und fügen die farbigen soft factors an — das System, komplexer und erweiterbar, kann nicht mehr geschlossen werden.
In einer zweiten Betrachtungsweise bilden die hard facts die Leinwand, auf welche die soft factors projiziert werden. Auf diese Weise erhellen die soft factors gewisse darunter liegende Bereiche, in denen dadurch eine Beeinflussung möglich wird. Je heller der Lichtfleck, desto höher das Potential, und desto mehr werden die hard facts überblendet.

Tijana Stevanovic, Serbien: Ein Stilleben der Zeit — wo die Zukunft, die schon hier ist, sich versteckt

Was ist das Jetzt? / Was sind die Tendenzen der Zukunft? / Wie viele zukünftige Welten lassen sich im Existierenden finden? / Was ist vom Vergangenen gegenwärtig? / Wie viel Möglichkeit liegt vor uns? / Kann es ein kohärentes Bild von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem geben? / Wie beeinflusst der Blick die Handlungen? — Tijana fängt mit kurzen Filmsequenzen Momente ein. Sie testet Geschwindigkeiten und Richtungen, Blickwinkel und Überlagerungen. Ihr Interesse liegt da, wo die Art der Betrachtung vieldeutig ist und “re-framing”, “re-thinking” zulässt.

Tiina Merikoski, Finnland: Zugehörigkeit zu einem Ort kann erschaffen werden

Was produziert Rahmenbedingungen, die Zugehörigkeit ermöglichen? / Gibt es eine Infrastruktur der Zugehörigkeit? / Wie können vorgefundene Ideen und Strukturen wiederverwertet werden? / Wie drückt sich das in demographischen Bewegungen aus? / Gibt es eine wechselseitige Beziehung, wo der Ort dem Bewohner etwas gibt und der Bewohner dem Ort? — Tiina gibt den Umrissen des Ortsplans ein Gesicht. Sie interessiert sich für die Physiognomie der Häuser und Fassaden und wie diese mit den Bewohnern zusammenhängt. Sie sucht Kriterien und stellt Dichten und Variationen fest.

Ivonne Weichold, Deutschland: Die Schönheit der Landschaft bleibt

Wie drückt sich landschaftliche Schönheit aus? / Ist die totale à„sthetisierung der Landschaft ein gangbarer Weg? / Kann man die Zeit vernachlässigen? / Wie beeinflusst Schönheit den Tourismus und die Bevölkerung ? — Ivonne knüpft an romantische Gedichte an, um Schönheit zu sammeln. Sie interessiert sich dafür, wie Wissen und Gefühle das beeinflussen, was man sieht. Sie experimentiert mit Textstruktur, schüttelt und ordnet — bleibt der Ausdruck von Schönheit erhalten? Ist eine Konstante ausmachbar?

Lovisa Ohlsson, Schweden: Unter der Oberfläche existiert eine Welt der Worte

Welche Kraft haben Geschichten, Gerüchte, Mythen? / Welche Orte schafft verbale Kommunikation? / Wie verändert emotionale Zugänglichkeit den Wert eines Ortes? — Lovisa geht der Tradition der mündlichen Tradition nach. Welche Werte und welche Kraft sie findet, illustriert sie mit Kürzestgeschichten, die sie der Gruppe erzählt. Welche Auswirkung dies auf Orte hat, und wie sich diese Kräfte manifestieren, ist Thema ihrer Untersuchungen.

Attila Jakab, Ungarn: Sprache kann alles verkaufen

Werden in einer globalisierten Sprache Wörter als Produkte verkaufbar? / Sind durch die Regeln von Marketing und Verkauf Massstabssprünge, Systemsprünge denkbar? Wie können durch Verkaufsstrategien, durch Worte Tourismus, Einnahmen und Wohlstand eines Tals beeinflusst werden? — Attila ist überzeugt, dass sich “Schwund” verkaufen lässt unabhängig von oder auch verknüpft mit einem spezifischen Ort. Dieses Marketing verändert das Bewusstsein, und Werbebilder werden wahr.

Natasha Dozdeva, Lettland: Die Natur kommt mit einer Verzögerung zurück

Gibt es einen Spielraum für Eingriffe im Kräftemessen von Natur und Kultur? / Welche Verzögerungstaktiken werden benutzt, um die Natur in ihrer “natürlichen Kurve” zu verlangsamen? / Kann man von der Analyse vergangener Prozesse auf die Zukunft schliessen? — Natasha analysiert den Prozess des Wachsens und Schwindens in Natur und Kultur. Sie identifiziert Phasen und versucht, eine Kurve zu zeichnen, die von Vergangenem in Zukünftiges läuft. Dabei setzt sie sich mit Denkmodellen und Analogien auseinander, anhand derer eine solche Kurve zustande kommen könnte.

Fragen als Basis

Ob das Safiental, das in ökonomischer und demographischer Hinsicht schwindet, in seiner heutigen Form erhaltenswert ist oder nicht, können und wollen wir hier nicht beantworten. Was wir gefunden haben, sind Fragen, die ausserhalb ökonomischer Argumentation Möglichkeiten und Potentiale aufzeigen. Damit möchten wir Diskussionen anregen — wie jene mit GesprächspartnerInnen in Bergün, Tenna und Safien-Platz.

Fragen, Wörter, Sprache verstehen wir nicht als sekundär beschreibendes Mittel, sondern als primäre Kraft. Wenn wir die richtigen Worte gefunden haben, haben wir bereits die Grammatik unserer Arbeit entdeckt. Mit Worten können wir unsere Umwelt nicht nur beschreiben, sondern auch beeinflussen. Fragen zu formulieren und Begriffe zu prägen zu Themen unserer Umwelt, sehen wir deshalb als ein Handlungsfeld heutiger Architekten. In dieser geistigen Auseinandersetzung, glauben wir, schlummert eine körperhafte Architektur mit solidem Fundament.

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