Das Chalet - Symbol des Helvetischen

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Das Chalet führt kein geruhsames Leben. Im Laufe seiner Geschichte ist das Schweizerhaus unzähligen Interpretationen und Emotionen ausgesetzt gewesen. Wenn nun die Architektenwelt über das Chalet lacht, es als unbedeutende kleine Sünde abtut, als anekdotisches Liebhaberobjekt, welches wohl vor allem die Kultur seines Besitzers widerspiegle, so wurde dies auch schon ganz anders gelesen: Das Chalet als die Urhütte, hoch auf dem Berg, die dem Spiel der Elemente und dem göttlichen Zorn trotzt, ist Zeichen der Eroberung der Freiheit des menschlichen Könnens und Wissens, Symbol gar der Architektur.
Unschuldig und unverdorben ist das Chalet längst nicht mehr. Vielleicht brachte früher noch der Berg den Menschen in seiner Vorstellung Gott näher, vielleicht mag es seit Klara Sesemans Besuch bei Heidi auf der Alp feststehen, dass, je höher der Mensch wohnt, desto gesünder sein Leib und desto besser sein Charakter sei. Heute jedenfalls sind die Alpenregionen konfrontiert mit Menschenströmen, die ohne ihre gewohnte Umgebung eigentlich zu verlassen, einige hochkonzentrierte Tage Chalet-Wohlfühlstimmung tanken wollen.
Wir alle möchten unsere Träume wohlig verpackt wissen, unseren Schlaf aber ebenso sicher beschützt von dem, was oft als eine weitere Haut des Menschen bezeichnet wird, dem Unterschlupf mit dem elementaren Dach über dem Kopf. Viollet-le-Duc wusste, wie das geht, (und wir wissen es immer noch - doch scheint sich die Angelegenheit der Architektur mit dem Aufkommen der Frage nach dem Stil nicht vereinfacht zu haben. Seit sich der Begriff der Mode dazu gesellt hat, ist nun zwar Ersterer wieder salonfähig geworden, die Diskussion um beide aber nichts desto weniger im Gange. Lifestyle heisst das auf Englisch, und es umfasst nicht nur die heikle Frage der passenden Bettwäsche, nein, die Architektur, traditionellerweise als eingebunden in die Zeit verstanden, sieht sich mit Ansprüchen sowohl an Zukunft, Ewigkeit, als auch an das grosse Erlebnis konfrontiert. Welche Rolle spielt hier das Chalet, das treue Aushängeschild der Schweiz?
In loser Anlehnung an die Arbeit Learning from Las Vegas von Venturi, Scott Brown, Iszenour, denken wir, dass diese Themen, die Versuche sich ihnen baulich zu nähern, unseren Alltag prägen, und dass deshalb auch gerade dort, im Alltäglichen und Banalen, nach Ansätzen zu suchen ist, die aufzeigen und erklären können, weshalb die Frage von der einen Seite zwar nur im Flüsterton gestellt, die Antworten von der anderen aber lauthals und in aller Selbstverständlichkeit verkündet werden. Wir sind schulisch daran gehindert worden uns in genannter Wäsche zu verkriechen, unter jenem Dach zu ruhen - warum wir es uns trotzdem - und in guter Gesellschaft - ein wenig wünschen, ist hier die Frage.

“Daraus, dass der Stil sich auch im Beschauer an die Schichten jenseits der rein individuellen wendet, an die breiten, den allgemeinen Lebensgesetzen untertanen Gefühlkategorien in uns, stammt die Beruhigung, das Gefühl von Sicherheit und Unaufgestörtheit, das der streng stilisierte Gegenstand uns gewährt.”

Schwerpunkt dieser Arbeit soll also eine Annäherung an ein, unter Architekten, viel-gescheutes Thema, nämlich der Erfolg sogenannter folkloristischer Elemente und ihre Verselbstständigung, vor allem in der Ferienarchitektur, sein. Hat das Chalet solchen breiten Erfolg, weil es primäre Bedürfnisse, andernorts vernachlässigt, zu stillen vermag?
Filmstar Hugh Grant, wie auch Liz Taylor besitzen ein Chalet in Gstaad im Berner Oberland, auch Modezar Armani möchte sich in der ländlichen Schweiz ein Domizil einrichten. Sie alle schätzen die 'Authentizität' des Schweizerhauses, seine Qualität als Zufluchtsort vor dem garstigen (Stadt-) Alltag, den glitzernden Schnee auf seinem Dach oder die Sommerfrische in seiner Umgebung.
Anders geht es den Bauern, die in derselben Region in ihren Holzhäusern, ebenfalls Chalets, wohnen. Für sie ist Gewohnheit, was für die Stars in Perversion der Wertvorstellungen Exotik geworden ist. Ist das Chalet, das kleine Schloss der freien Eidgenossen zu einer Kulisse der Träume nach frischer Luft lechzender Städter verkommen, oder müsste man grundsätzlich fragen: Was macht ein Chalet zum Chalet? Und: Warum machen Chalets glücklich?
Nun, sicher ist, dass einem scheinbar so eindeutig bestimmbaren Typus Bau, mit einer solchen Breite an Identifikationsmöglichkeiten und Leseweisen, Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Trotz allem Nasenrümpfen und Nicht-Beachten: Seine Relevanz muss wenigsten in einem Bereich ohne Zweifel anerkannt werden. Es ist der Kassenschlager der heutigen Zeit im Baugewerbe der Schweiz und anderer Alpenregionen.
Darüber hinaus, und vielleicht auch: Nichts desto trotz, möchten wir darüber sprechen, welchen zeitlosen Charakter das Chalet hat, wo sich dieser zeigt, und was dies für unsere alltägliche Wahrnehmung bedeutet. In seiner Entwicklungsgeschichte, die an sich auch beinahe als Sozialgeschichte betrachtet werden könnte, finden sich materielle, konstruktive, formale Konstanten, die uns nicht nur interessieren, sondern womöglich sogar in unserem Schaffen in diesem Rahmen Schweiz von Belang sind.

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