Chalet

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Das aus der Form geratene Chalet

Nach dem riesen Aufgebot an Chalets an der Landesausstellung 1896 in Genf und an der Weltausstellung 1900 in Paris, finden sich wenig Spuren an der jüngsten Selbst-Ausstellung der Schweiz, der Expo02. Wir fanden, ausser einem kleinen Vermerk auf die Menge des verbrauchten Holzes nichts, was in der Architektur auch nur im Geringsten mit den dort genannten Bergchalets zu tun haben wollte.
In den Jahren zurückgehend, scheint es, dass mit den schweizerischen 'Minimalen', den 'Tendenzen' der 90-er im Tessin, den Bauhaus-, Werkbund-Strömungen - eigentlich seit der architektonischen Moderne - eine Spaltung zwischen Machern (die reaktionären Handwerker) und Denkern (die visionäre Avantgarde) vorangetrieben wurde. Eine Polarisierung der Werte, die mit Stadt und mit Land verknüpft werden, tat zur gleichen Zeit in breiten Bevölkerungsschichten das ihre: bös - gut, stinkend - rein, arbeiten - erholen, und Beton - Holz.
So überliessen die eher städtisch orientierten Architekten die Bauaufgabe Chalet, zugunsten der zahlreichen neuen, und prestigeträchtigeren Aufgaben in den städtischen Agglomerationen, gerne anderen, oft gelernten Bauzeichnern, Zimmereien oder Schreinereien. Das Bauen von Chalets fand zwar schon immer in einem handwerklich orientierten Umfeld statt (die anonyme Architektur der Bauernhäuser, die Chalet-Fabriken mit ihren Laubsägeornamenten), doch vielleicht stärker als auch schon distanziert sich die selbsternannte Architekten-Elite von dieser Aufgabe, die zu einengend und wenig herausfordernd erscheinen mag. Dadurch, dass sich nie eine avantgardistische, progressive Strömung um den Typus Chalet bemüht hat, blieb die Entwicklung eine nachvollziehbare, stetige und bruchlose. Das mühelose Wiedererkennen und die Konstanz werden dann auch weitherum geschätzt.
Hierin liegt, wie wir meinen, ein Grossteil der Faszination.
Das Chalet (ursprüngliches Bauernhaus, Hütte, Holzhaus und was sonst noch alles unter dem Begriff subsumiert wird) ist omnipräsent. Seiner Austauschbarkeit, Verwechselbarkeit, dem Verschwinden des Einzelnen in der Masse, im Grossen, stehen die liebevoll gepflegte Einzigartigkeit, im Kleinen, gegenüber. Das Chalet kann sich an Bekanntem messen, es erlaubt Vergleiche, die es - ähnlich den fotographischen Arbeiten der Bechers- durch den Blick für den feinen Unterschied liebenswert und nahbar machen.
Was hier für das kleine Eigen- / Ferienheim als Billig- und Fertigbau verständlich wirkt, diese Konsequenz des 'jeder-kanns-eigentlich-Stils', bleibt aber eine Frage, was die Fassadenarchitektur grosser Hotelbauten und Appartementblock-Siedlungen betrifft. Wie ist es möglich, dass ein solches aus-der-Form-geraten so kommentarlos vor sich gehen kann?
Liegt es daran, dass die Proportionen weitgehend beibehalten werden, es ein eigentliches Aufblasen der Form auf die für den Inhalt benötigte Grösse ist?
Ist das Jumbo-Chalet eine gut-schweizerische Kompromiss-Lösung zwischen bildhaften Erwartungen, Baukosten, Exklusivität? Oder ist das Spezifische daran gerade in der aus vielen Einzelzimmern resultierenden Grösse zu suchen, da es eben spezifisch alpin ist, genauer nord-alpin, im additiven Prinzip zu bauen, wie es im traditionellen Bauernhausbau geschehen ist? Reiht sich da auch dieses Grösserwerden, mit der beschriebenen Stetigkeit, in die Entwicklung des Typus Chalet ein, in diesem Sinne sogar ausserordentlich präzise und sorgfältig - in Antwort auf die Bedürfnisse der Zeit?
Wen schaudert's hier? Ist es die copy- / paste-Mentalität, die alles mit zwangsläufigem Stilmix verwässert (die Tiroler Balkone am Bündner Bauernhaus im Berner Oberland...), dieses 'den-Bruch-nicht-wagen', auch wenn er vielleicht überfällig ist, das hier stört? Ist Gelassenheit oder Empörung am Platz?
Wenn man die Emotionen für einmal etwas zurückstellen will, lässt sich dennoch feststellen, dass dem Monstrum Jumbochalet sowohl die Lieblichkeit, als auch die wahre Grösse zu fehlen scheinen. So als ob durch die übermässige Addition und die darauffolgende Aufgeblähtheit, durch die zwanghafte Repetition der durchaus liebevollen Ornamentik und durch zu häufiges Vergleichen und Angleichen, gerade das, was man am Chalet zu schätzen geglaubt hatte, in Angewidertheit umschlägt.
Wie lässt sich das erklären? Der Chalet-Begriff, so denken wir, ist heute auf einen Bautyp übertragen worden, der nicht so sehr aus der Geschichte des Chalets als Bautyp selbst, als vielmehr mit nationaler Identitätsfindung und ökonomischen Entwicklungen (Tourismus) als Hintergrund verstanden werden muss. Da der Begriff aber trotzdem auch die musealisierte Form des Chalet - als Ort der Erinnerung - umfasst, ja diese sogar in der obigen Masse zu verschwinden scheint, ist eine Diskussion ums Chalet nur dann möglich, wenn man ihn differenziert behandelt.
Das geschichtliche Chalet baut auf seiner Vergangenheit auf und steht abseits (auch örtlich) von Entwicklungen, wie sie in unserem Beispiel in Gstaad anzutreffen sind. Es ist Ausdruck seiner Zeit (das 19. Jh.) und in diesem Sinne weder weiterentwickelbar noch in die heutige Zeit in einer anderen Form als der Historisierenden zu übertragen.
Das weitverbreitete und weitherum so genannte Chalet zehrt von denselben Themen, wurde aber in seiner Entwicklung auf einfache stilistische und und konstruktive Elemente und eine ausgesprochene Bildhaftigkeit reduziert. Die inhaltlichen Themen, in unsere Zeit transportiert, basieren immer noch darauf, dass es auf gewisse archaische Bedürfnisse zu antworten vermag. Mit der Verwendung von Holz als dem primitiven Baumaterial wird sowohl Geborgenheit in der Natur als auch in der Geschichte vermittelt. Dieses Chalet ist nicht mehr 'Schweizerstil' in erster Linie, sondern - mindestens europaweit - allgemeingültiger Ausdruck
einer verlorenen und wiedergefundenen Heimat und die Möglichkeit einer eigenen Identität des jeweiligen Besitzers, die für einmal nicht originell, nicht besonders erfolgreich, nicht trendy sein muss. Eine Möglichkeit abzuschalten in einer Welt, in der man sich ständig positionieren muss. Es provoziert nicht, es bestätigt. Es kann als Zweitwohnung dieselbe Funktion haben, die das kitschige WC- Bürsteli in Kaktusform in der Wohnung in der Stadt wahrnimmt: In einem grösseren Massstab ist es ein Stück der Ausstattung eines vielseitigen und vereinbaren wollenden Menschen mit dem Bedürfnis nach Ausgleich. Wer seine Freizeit nicht im Chalet verbringt, verbringt sie im Rustico oder in einer Strandhütte oder geht in eine Bungalow-Siedlung in die Ferien. So ist das Chalet und - in seiner Multiplikation - das gesamte typische Dorf in den Bergen auch Ausdruck von Rückzug oder Zurückgezogenheit vom Gegenpol Stadt (Moderne, Fortschritt, Technik), den man mit Absicht in sicherer Entfernung hinter sich lässt. Dieser Ausdruck und damit eine Identität entsteht in einem solchen Dorf nicht durch einzelne architektonische Meisterwerke. Deswegen kann man auch den Entscheid, auf einen 'Zumthor' in Gstaad zu verzichten, nachvollziehen. Die Identität kann für uns aber ebensowenig durch die Anhäufung von einzelnen Chalets entstehen (s. Abb. Siedlung Kapitel Gstaad), wenn diese so schlecht in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, d.h. eine funktionierende grössere städtebauliche Figur zu bilden. Das Chalet kreist nämlich vollständig um sich selbst. In dieser Selbstbezogenheit geht die Aussage, die es heute machen kann, nicht über seine unmittelbare Zeichenhaftigkeit hinaus und wird durch seine Verdoppel-/Vermehrfachung in seiner Aussagekraft nicht komplexer, sondern simpler. Dies gilt sowohl für die flächige Ansammlung von Einzelbauten, wie auch für die vertikale Stapelung in Form von sogenannten Jumbo-Chalets.

Für uns ist das Chalet hier aus der Form geraten, wo es im Bereich der miniaturisierten oder der aufgeblähten Objekte, durch Massstabsverfremdung und Multiplikation, nicht in der Lage ist, mehr als ein Gefühl von Lächerlichkeit oder Nostalgie zu wecken.
Auch in die Form gepresste Chalet-Siedlungen (wie sie vielleicht an der Expo 1896 noch nachvollziehbar sind), halten wir für falsch ausgedrückte Wunschvorstellungen nach Rückbesinnung auf eine - nie in dieser Form dagewesene - ländliche Tradition. Das Dorf ist Dorf, und als solches zu behandeln. Hier stehen Holzhäuser verschiedenster Prägung, fähig aufeinander zu reagieren.
Wir können keine Rezepte anbieten; Als Beispiel von Dorfentwicklungen, die auf überzeugende Weise mit dem jeweiligen kulturellen Hintergrund des Architekten, dem gewählten Bautyp und dem Umfeld (Würdigung in der Bevölkerung, in der Fachwelt) funktionieren, möchten wir aber auf Vrin (G. Caminada) und Monte Carasso (L. Snozzi) verweisen.
Als Architekten sollten wir fähig sein, die Wichtigkeit von Gegensätzen und Komplementen, wie sie anhand des Chalets sichtbar werden, zu erkennen und die bauliche Ausformulierung auf beiden Seiten mit derselben Sorgfalt angehen zu können und wollen. Das könnte bedeuten, dass das Chalet, als pointiertes Einfamilienhaus, als ein mit Symbolgehalt aufgeladenes Einzelobjekt seine Daseinsberechtigung im Architekturkanon erhält und ihm als Bauaufgabe Frag-Würdigkeit zugestanden wird.

Typ 
May 2003

Undifferenziert ?

Undifferenziert ? - Architektur für Alle,
Billig? - Architektur am Strassenrand,
Geschmacklos? - Architektur und Essen

Was ist Architektur für Nicht-Architekten?
Was ist Nicht-Architektur für Architekten?

und warum?

Unter dem Titel “undifferenziert?, billig?, geschmacklos?” möchten wir bei einem Essen am Strassenrand über das Haus des Landes sprechen, über das Chalet.

Das Thema “Chalet” soll den Einstieg in die Tiefen der Architekturdiskussion eröffnen, ein Thema, das sich als Ausgangspunkt zu ganz allgemeinen Betrachtungen über das, was die Architektur sein kann, insofern besonders eignet, als es eben gerne “undifferenziert, billig, geschmacklos” genannt und dennoch von Herzen geliebt wird.
Wir sind der Auffassung, dass die Differenz zwischen Kenner-Architektur und Volks-Architektur wenig fruchtbar, ja sogar schädlich ist für die gesunde Entwicklung einer allgemeinen Architektur, die, beginnend mit der Theorie, in der Umsetzung von Objekt bis Städtebau reicht.
Das Pflegen eines bewusst ausschliessenden Diskurses zu welchem Nicht-Eingeweihte weder Zugang haben noch haben sollen, scheint uns zu nichts anderem, als zu einer — wenn auch berauschenden- inter-architektonischen Kreisbewegung zu führen. In einer solchen aber können wir nicht das tun, was Architektur als elementarer Bestandteil (wir sprechen hier von Kernkompetenzen) unserer Gesellschaft kann: einfrieden, umfassen, .............. sich um den Raum kümmern. ( auch: Das Schön- Wohnen ermöglichen).

En Guete: Wir machen Begriffe erlebbar, ohne sie ganz erklären zu wollen und stellen mehr Fragen, als dass wir Antworten geben- und hoffen dennoch, dass es schmecke.

Typ 
May 2003

Holz isch heimelig - wie das Chalet aus der Form geraten ist

Judith Gessler / Anja Meyer
Diplomwahlfacharbeit Architekturtheorie Prof. Dr. Àkos Moravà¡nszky,
Assistent O. W. Fischer
ETHZ, 2003

Vorwort

Im Zusammenhang mit der momentanen medialen Präsenz des Themas Schweiz und die Frage um ihre Identität, möchten wir als Architektinnen die Rolle des Aushängeschildes Chalet untersuchen.
Ausgangspunkt der Betrachtung sind für uns verschiedene aktuelle à„usserungen wie themenbezogene Zeitschriften, Werbeprospekte und Internetauftritte
Schwerpunkt der Arbeit soll eine Annäherung an ein, unter Architekten, viel-gescheutes Thema, nämlich der Erfolg sogenannter folkloristischer Elemente und ihre Verselbständigung, vor allem in der Ferienarchitektur, sein.
Dass Städter in den Ferien in die Berge in ihr Chalet fahren, scheint eine Vermischung zwischen angestammten, bäuerlichen Hausformen und einer städtischen Lebensweise anzuzeigen. In der Geschichte des Chalet-Begriffes, wo Gegensätzlichkeiten, Projektionen, Internalisierungen auftauchen, sehen wir, dass diese Annahme keineswegs so selbstverständlich ist.
Die Bauaufgabe der Einfamilien- und Ferienhäuser in der Bergwelt ist eine Erfindung des Städters im 19. Jh.
Erst seit da ist er überhaupt in der Lage, diese Welt zu schätzen. Noch die Reisenden des 18. Jh. Waren auf ihren Bildungsfahrten nach Italien froh, die Alpen überwunden zu haben. Die kulturelle “Besetzung” der Alpen durch Landhäuser, Chalets im 19. Jh. Wurde von verschiedenartigsten Wünschen und Vorstellungen begleitet. Folkloristische Elemente aus der ganzen Welt, aber auch vorgefundene bäuerliche Bauten wurden zum “Schweizerstil”, “Chaletstil”. Das Chalet, reduziert auf wenige, einfach zu erkennende äusserliche Merkmale, wurde — präfabriziert — zum Exportschlager der Schweiz. In und um die Schweizer Alpen ist das Chalet auch heute ungebremst erfolgreich.
Wir möchten uns in dieser Betrachtung als örtliche Begrenzung an die Schweiz halten. Eine Region, in der schon im letzten Jahrhundert das Chalet als touristischer Attraktor und als Inspirationsquelle für Künstler diente, ist das Berner Oberland. Hier analysieren wir Gstaad, entstanden als typisches Produkt der touristischen Entwicklung.

Nach einer Auseinandersetzungen mit den Schlagworten, dem Zeitlosen, dem Versprechen, den Beispielen und Vorbildern, geht es uns in einer ersten Begriffsklärung darum, zu zeigen, wie sich schriftlich festgehaltene Definitionen entwickelt haben. (So wird von jeher im französischen Sprachgebrauch der Begriff viel weiter verwendet als im Deutschen, wie z. B. im Wallis).

Wir grenzen den Typ Chalet vom Holzhaus in seinen verschiedenen Prägungen ab und zeigen die Entwicklung seiner Bauweise in der Zeit auf, wobei wir uns hier auf das Berner Oberländer Haus beschränken.

Wir schauen von aussen in einer kunstgeschichtlichen Weise aufs Chalet und nähern uns ihm anhand Fundstücken der Zeit. Mit diesem Hintergrund betrachten wir Gstaad und versuchen typische Entwicklungen und typische Ausformungen zu erkennen. Was das Chalet heute ausmacht und was wir daran faszinierend finden wird schliesslich — aber nicht abschliessend — beschrieben.

Typ 
May 2003

Das Chalet - Symbol des Helvetischen

Das Chalet führt kein geruhsames Leben. Im Laufe seiner Geschichte ist das Schweizerhaus unzähligen Interpretationen und Emotionen ausgesetzt gewesen. Wenn nun die Architektenwelt über das Chalet lacht, es als unbedeutende kleine Sünde abtut, als anekdotisches Liebhaberobjekt, welches wohl vor allem die Kultur seines Besitzers widerspiegle, so wurde dies auch schon ganz anders gelesen: Das Chalet als die Urhütte, hoch auf dem Berg, die dem Spiel der Elemente und dem göttlichen Zorn trotzt, ist Zeichen der Eroberung der Freiheit des menschlichen Könnens und Wissens, Symbol gar der Architektur.
Unschuldig und unverdorben ist das Chalet längst nicht mehr. Vielleicht brachte früher noch der Berg den Menschen in seiner Vorstellung Gott näher, vielleicht mag es seit Klara Sesemans Besuch bei Heidi auf der Alp feststehen, dass, je höher der Mensch wohnt, desto gesünder sein Leib und desto besser sein Charakter sei. Heute jedenfalls sind die Alpenregionen konfrontiert mit Menschenströmen, die ohne ihre gewohnte Umgebung eigentlich zu verlassen, einige hochkonzentrierte Tage Chalet-Wohlfühlstimmung tanken wollen.
Wir alle möchten unsere Träume wohlig verpackt wissen, unseren Schlaf aber ebenso sicher beschützt von dem, was oft als eine weitere Haut des Menschen bezeichnet wird, dem Unterschlupf mit dem elementaren Dach über dem Kopf. Viollet-le-Duc wusste, wie das geht, (und wir wissen es immer noch - doch scheint sich die Angelegenheit der Architektur mit dem Aufkommen der Frage nach dem Stil nicht vereinfacht zu haben. Seit sich der Begriff der Mode dazu gesellt hat, ist nun zwar Ersterer wieder salonfähig geworden, die Diskussion um beide aber nichts desto weniger im Gange. Lifestyle heisst das auf Englisch, und es umfasst nicht nur die heikle Frage der passenden Bettwäsche, nein, die Architektur, traditionellerweise als eingebunden in die Zeit verstanden, sieht sich mit Ansprüchen sowohl an Zukunft, Ewigkeit, als auch an das grosse Erlebnis konfrontiert. Welche Rolle spielt hier das Chalet, das treue Aushängeschild der Schweiz?
In loser Anlehnung an die Arbeit Learning from Las Vegas von Venturi, Scott Brown, Iszenour, denken wir, dass diese Themen, die Versuche sich ihnen baulich zu nähern, unseren Alltag prägen, und dass deshalb auch gerade dort, im Alltäglichen und Banalen, nach Ansätzen zu suchen ist, die aufzeigen und erklären können, weshalb die Frage von der einen Seite zwar nur im Flüsterton gestellt, die Antworten von der anderen aber lauthals und in aller Selbstverständlichkeit verkündet werden. Wir sind schulisch daran gehindert worden uns in genannter Wäsche zu verkriechen, unter jenem Dach zu ruhen - warum wir es uns trotzdem - und in guter Gesellschaft - ein wenig wünschen, ist hier die Frage.

“Daraus, dass der Stil sich auch im Beschauer an die Schichten jenseits der rein individuellen wendet, an die breiten, den allgemeinen Lebensgesetzen untertanen Gefühlkategorien in uns, stammt die Beruhigung, das Gefühl von Sicherheit und Unaufgestörtheit, das der streng stilisierte Gegenstand uns gewährt.”

Schwerpunkt dieser Arbeit soll also eine Annäherung an ein, unter Architekten, viel-gescheutes Thema, nämlich der Erfolg sogenannter folkloristischer Elemente und ihre Verselbstständigung, vor allem in der Ferienarchitektur, sein. Hat das Chalet solchen breiten Erfolg, weil es primäre Bedürfnisse, andernorts vernachlässigt, zu stillen vermag?
Filmstar Hugh Grant, wie auch Liz Taylor besitzen ein Chalet in Gstaad im Berner Oberland, auch Modezar Armani möchte sich in der ländlichen Schweiz ein Domizil einrichten. Sie alle schätzen die 'Authentizität' des Schweizerhauses, seine Qualität als Zufluchtsort vor dem garstigen (Stadt-) Alltag, den glitzernden Schnee auf seinem Dach oder die Sommerfrische in seiner Umgebung.
Anders geht es den Bauern, die in derselben Region in ihren Holzhäusern, ebenfalls Chalets, wohnen. Für sie ist Gewohnheit, was für die Stars in Perversion der Wertvorstellungen Exotik geworden ist. Ist das Chalet, das kleine Schloss der freien Eidgenossen zu einer Kulisse der Träume nach frischer Luft lechzender Städter verkommen, oder müsste man grundsätzlich fragen: Was macht ein Chalet zum Chalet? Und: Warum machen Chalets glücklich?
Nun, sicher ist, dass einem scheinbar so eindeutig bestimmbaren Typus Bau, mit einer solchen Breite an Identifikationsmöglichkeiten und Leseweisen, Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Trotz allem Nasenrümpfen und Nicht-Beachten: Seine Relevanz muss wenigsten in einem Bereich ohne Zweifel anerkannt werden. Es ist der Kassenschlager der heutigen Zeit im Baugewerbe der Schweiz und anderer Alpenregionen.
Darüber hinaus, und vielleicht auch: Nichts desto trotz, möchten wir darüber sprechen, welchen zeitlosen Charakter das Chalet hat, wo sich dieser zeigt, und was dies für unsere alltägliche Wahrnehmung bedeutet. In seiner Entwicklungsgeschichte, die an sich auch beinahe als Sozialgeschichte betrachtet werden könnte, finden sich materielle, konstruktive, formale Konstanten, die uns nicht nur interessieren, sondern womöglich sogar in unserem Schaffen in diesem Rahmen Schweiz von Belang sind.

Typ 
May 2003
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